Lage Opedal

18.03.2006

Lage Opedal
Malerei
Neue Sächsische Galerie Chemnitz
28. März bis 11. Juni 2006
geöffnet täglich außer Mittwoch 10 - 18 Uhr
Dienstags 10 - 20 Uhr
 
Neue Sächsische Galerie
Moritzstraße 20
09111 Chemnitz
 
Eine Kooperation mit Galerie Rothamel, Erfurt und Frankfurt.






 
Lage Opedal (*1976) ist ein malender Philosoph des Medienzeitalters. Seine Bilder changieren zwischen scharf und unscharf, als fingen sie den Arbeitsprozeß eines optischen Suchers ein. Sie illustrieren die große Indifferenz, die zunehmende Unmöglichkeit, zwischen wesentlich und banal, wahr und unwahr zu unterscheiden. Über ihre konzeptuelle Kraft hinaus bestechen Opedals Werke durch großartige Malerei, die an Goya oder Courbet denken läßt.
 
Opedals Werke erscheinen auf ersten Blick harmlos. Beim zweiten Hinschauen erweisen seine Stilleben, Anatomien, Genrebilder und Porträts sich als Trug-Bilder: Die Stilleben zeigen Küchenabfall, die Anatomen vergehen sich am Corpus, das süße Lämmchen schwebt in Lebensgefahr. Lage Opedals intelligente und fundierte Art des Eingriffs in die aktuellen wie auch die unwandelbaren menschlichen Sehgewohnheiten ermöglicht seinen Bildern den Aufstieg vom Zeitgeistigen zum Dauerhaften.
 
2001 zeigte die Gemäldegalerie Haugesund seine Arbeiten, 2004 die Kunsthalle Stavanger. In der neuen Sächsischen Galerie erhält Opedal nun erstmals auch in Deutschland eine institutionelle Ausstellung.
 
Lage Opedal schloss 2000 an der Kunstakademie Oslo sein Malereistudium ab. Im selben Jahr schrieb er sich an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden als Gaststudent ein. 2002 bis 2004 arbeitete er als Meisterschüler im Atelier von Professor Ralf Kerbach.
 
Opedals Diplomarbeit schilderte Tätigkeiten in einem Schlachthof, das Ausweiden und Zerlegen von Tierkörpern. Auf großformatigen Aluminiumpanneaus verfolgte der Künstler den ganzen Prozeß akribisch. Ausgangspunkt waren Fotografien, denen Opedal zu jenem Zeitpunkt strikt folgte. Fotos liegen bis heute fast allen Gemälden Opedals zugrunde. Allerdings nutzt er sie mit immer größerer Freiheit.
 

 
Die zunehmende Konzentration aufs gemalte Bild, die gelungene Aufwertung des Mediums Malerei und die Reduzierung der Fotografie auf den Status einer Ideenskizze illustrieren zwei 2001 und 2002 entstandene kleine Schlachthofbilder. Während das frühere als fotorealistische Motivwiederholung eine unkommentierte Aussage abgibt, funktioniert die zweite Fassung ganz anders. Dieses kleine Gemälde, das Opedal im Alter von sechsundzwanzig Jahren malte, erreicht durch geringfügige malerische Eingriffe eine vollkommene Veränderung des Ausdrucks. Die kompositorischen Achsen verschieben sich ein wenig, die Physiognomie des Schlachters wird etwas deutlicher, und mit einem Schlag befindet der industrielle Prozeß sich seiner scheinbaren Selbstverständlichkeit entkleidet. Opedals Bild erinnert - subtil und drastisch zugleich - daran, dass die zivilisatorische Routine der Nahrungsmittelindustrie nur als dünne Schicht über der barbarischen Handlungsfolge des Erbeutens, Tötens und Auffressens liegt.
 
Zeitgleich mit der Übersiedelung nach Deutschland erschloß Lage Opedal neue Themen. In seinem Oeuvre tauchten Stilleben auf. Farbenprächtig und brillant gemalt, scheinen auf ersten Blick Traditionen der niederländischen Malerei aufzugreifen. Scharf- und Unscharfstellungen verschiedener Bildpartien sowie die Verwendung von Aluminium als Bildträger belegen aber, dass die Werke dem digitalen Zeitalter entstammen. Sie schildern keineswegs den Reichtum gutgefüllter Speisekammern und Anrichten: Opedal fotografierte und malte anschließend - Küchenmüll. Während im siebzehnten Jahrhundert Willem Claez Heda seine Stilleben als Zeugnisse der Zivilisationsvergewisserung schuf, bildet Opedal das absolute Gegenteil ab, die Rückseite der Zivilisation, den Müll, das Gemeine, das Chaos. Mit Essen spielt man nicht, mit Essensresten noch weniger. Opedal tut es.
 

 
Skurrile Sujets und spektakuläre Grenzgebiete von Leben und Tod ziehen ihn magisch an. Tabus behandelt Opedal mit ungenierter Wissbegier, zuweilen fast sarkastischen Distanzlosigkeit und einem sehr speziellen Humor. Ausgehend von gemalten und fotografierten Mut- und Zynismusproben angehender und gestandener Mediziner und Pathologen schuf er um 2002 seine ersten eigenen Anatomiebilder.

Sie stellen Ernst und wissenschaftliche Notwendigkeit der Prozedur in Frage und erzeugen durch subtile Eingriffe ins Bildgefüge neue, absurde Zusammenhänge. Der vom Sujet her vorauszusetzende systematische Vorgang einer medizinischen Untersuchung entpuppt sich als Farce. Am Leichnam wird betriebsam, aber eher zweckfrei herumgewirtschaftet. Wissenschaftler und Objekte zoomen sich qua Unschärfe selbst aus dem Bild, weitere materialisieren sich in die Kompositionen hinein - aus zukünftigen Jahrzehnten, wie ihre Kleidung vermuten lässt.
 

 
Um 2004 entstanden einige Diptychen; eine Tafel optisch korrekt, die andere unscharf gehalten. Die Motivwahl versprach Harmloses: Opedal malte Kühe und Schweine. Dieses Versprechen entpuppt sich bei näherer Betrachtung als bitterböse Tarnung. "Svin" gibt dem Betrachter alsbald die Frage auf, ob die Tiere sich wohlig suhlen oder ob Tierleichen übereinanderliegen.
 
Die Bilder, die unseren von den Medien geprägten Alltag fluten und unsere Sehnsüchte, Ängste und Sensationsgier befriedigen, gießt Lage Opedal durch den Filter seiner Malerei und seziert sie, verfeinert sie, überspitzt sie, bis ihre Wurzeln offen zutage liegen. Er benutzt sowohl Filmsequenzen als auch Pressefotos oder Quellen aus dem Internet.
 
Neben hoher Sensibilität erfordert diese Methode virtuose Handhabung des Mediums. Tatsächlich ist die traditionelle Malerei ein Hauptpfeiler für Opedals Werk. Ihre Mittel beherrscht er meisterhaft, aber er lässt sich nicht verleiten, dem Reiz der Technik zu erliegen. Für Opedal steht die Botschaft des Bildes im Vordergrund.
 



 
In einer Hommage an Stanley Kubrick schuf er 2004 zwei kleine Formate mit den Titeln "Untersuchung 1" und "Untersuchung 2", welche Szenen aus "Clockwork Orange" und "Eyes Wide Shut" thematisieren. Er wählte Schlüsselszenen, welche den Sarkasmus und schwarzen Humor der cineastischen Vorlage auf den Punkt seiner Sicht bringen. Die Resultate sind völlig eigenständige Kompositionen.
 

 
Außer fiktiven Stoffen und Genrethemen benutzt der norwegische Künstler auch Stoffe aus der jüngeren und jüngsten Geschichte. Mit der nach einem Pressefoto entstandenen Arbeit "Junger Mann (Stilleben)" zielt Opedal auf aktuelle Ängste. Der "Junge Mann" zeigt den Hamas-Terroristen Osama Bahar, welcher sich 2001 im Alter von 24 in die Luft jagte und dabei in Jerusalem zehn junge Israelis mit in den Tod riß. Bahar lächelt seine Betrachter an, ein junger Mann, der sich fotografieren lässt. Hinter der anscheinend freundlichen Fassade verbirgt sich das Stilleben des Sprengstoffgürtels. Opedals malerische Leistung liegt darin, dass unterschwellige das Grauen dieses Porträts sich auch Betrachtern mitteilt, welche seinen Hintergrund nicht kennen.
 

 
Ein weiteres Bildnis erhebt Opedal zum Meister des psychologisierenden Porträts. Sein Gemälde "Held" zeigt den SS-Standartenführer Joachim Peiper in Uniform. Peiper war verantwortlich für das Malmedy-Massaker an amerikanischen Kriegsgefangenen von 1944. Bereits als Achtzehnjähriger trat er in die SS ein. Opedals Porträt, angefertigt nach einem historischen Foto, sagt über den Dargestellten mehr aus als jede noch so gründlich recherchierte Biografie. Es bündelt das ganze Dilemma nationalsozialistischen Ungeists in einem Gesicht. Es berichtet von Erziehung unter Zwang, von Gruppendruck, Angst, brennendem Ehrgeiz, Verrohung und Fanatismus. Ganz sicher ist der "Held" bislang Opedals wichtigstes und aussagekräftigstes Werk.


Benötigen Sie Informationen oder Reproduktionen, wenden Sie sich bitte an:

Beatrice Gamza, Galerie Rothamel Erfurt
Kleine Arche 1 A, 99084 Erfurt
Telefon: +49 - 361 - 562 33 96
Telefax: +49 - 361 - 562 34 98
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