Jochen Görlachs Bilder geben uns Rätsel auf.
In nahezu vollkommener Dunkelheit zeigen sie Gestalten, die unbeeindruckt von uns Betrachtern Dinge tun, die wir nicht klar erkennen können, die versunken mit sich alleine beschäftigt sind. Die Bilder hüllen sich in ein Dunkel, aus dem unvermittelt Köpfe, Körper, Arme oder Beine auftauchen und von einem Lichtschein erfasst werden, dessen Ursprung wir nicht ausmachen können. 
Dies verwundert umso mehr, da Görlach seine Bilder äußerst realistisch und mit augentäuschender Genauigkeit, großer Feinheit und Vorsicht anlegt. Doch bei aller Schärfe des malerischen Audrucks lässt er offen, was wir eigentlich sehen.
Wir können uns fragen, was geschieht oder wen wir sehen. Eine Antwort darauf gibt er uns nicht.
So wenig, wie wir eindeutige Handlungen identifizieren können. Man meint, selbst ins Dunkle dieser Bilder geraten zu sein, und erhascht wie durch Zufal, als ob sich die Augen erst an das spärliche Licht gewöhnen müssten, nur einige flüchtige Eindrücke dessen, was dort vor uns geschieht. Auf eigentümliche Weise ist das Bildgeschehen aus Raum und Zeit entrückt. Ob es Nacht ist oder Tag, ob wir uns in einem düsteren Innenraum befinden oder Draußen, lässt sich nicht sagen. Vielmehr kommt es uns so vor, als wäre die real vergehende Zeit auf jenen Bildern angehalten. Wir sehen zeitlos andauernde Augenblicke. Sehen Orte mit unergründlichen Dimensionen, die endlos weit sein könnten oder so flach wie die Farbschichten, aus denen sie bestehen, Orte, an denen nicht einmal ausgemacht ist, ob an ihnen unsere Schwerkraft überhaupt noch gilt.
So halten sich die Bilder in der anmutigen Schwebe einer undurchschaubar rätselhaften Bildwirklichkeit.

Man kann dabei ein "Meister der Simulakren" sein wie Jean Baudrillard oder, wie Görlach, aus Jahren Erfahrung um die Wagnisse jedes malerischen Zeigens wissen, denn selbst die perfekte Illusion, das präziseste "Trompe-l’œil ist nur scheinbar realistisch". (1) Zwar fotografiert er in einem langwierigen Bildfindungsprozess zunächst mit Modellen bestimmte Gesten und Haltungen, die er weiter in Skizzen und Zeichnungen erprobt, um sie schließlich malerisch auszuarbeiten. Doch die anfängliche fotografische Abbildung dient ihm nur als Ausgangspunkt. Seine Bilder mögen an die "Evidenz der Welt gebunden" sein, jedoch legt er ihnen "eine so minutiöse Ähnlichkeit" auf, dass der Realismus in dieser sur-realen, über-wirklichen Zuspitzung umschlägt und geradezu "magisch wird. Das Trompe-l’œil [...] behält etwas vom magischen Status des Bildes und daher etwas von der radikalen Illusion der Welt" (2)
Selbst die wirklichkeitsgetreuste Malerei besitzt etwas von dieser 'übernatürlichen' Magie, denn auch sie bringt, ohne an Ort und Zeit gebunden zu sein, Menschen, Dinge, Orte zum Erscheinen, die es so nicht gibt, nicht geben könnte, die erst auf einem Bild zu mitunter unerklärlichem, wenngleich völlig glaubwürdigem Leben erwachen.

Görlachs Bilder sind somit weniger klassische Porträts, vielmehr werden seine Gestalten zu reinen Bildfiguren. Und selbst wenn jede einzelne Haltung und Pose eigenen Charakter besitzt, gibt er sie nicht leichthin unserem Blicken preis, sondern wahrt ihre Persönlichkeit und Geheimnis, gibt ihnen Raum. 
Und dieser Raum, der Bildraum, ist ungleich individueller, als man denken wollte. So erklärt sich vielleicht auch die vorsichtige, streifende oder flackernde, fast scheue Lichtführung.
Denn das Licht wirkt tatsächlich nicht so, als fiele es von außen in die Bilder. Ganz im Gegenteil, das Licht scheint direkt aus den Figuren selbst, ihren Körpern, manchmal bloß einer Hand oder einem Fuß, zu leuchten. Als brächten sie sich selbst zu lichter Erscheinung inmitten der sie umgebenden Dunkelheit.
Eigenwillig schaffen sie sich eine eigene Sphäre und zeigen nur so viel von sich, wie sie wollen.
Was eine Verkehrung unseres Blicks mit sich bringt, haben ir es doch nciht mit einer herkömmlichen Perspektivanlage zu tun. Das Dunkel legt sich uns entgegenkommend wie ein wolkiger Schleier über die Bildfläche und deckt zugleich jeden gewohnten Tiefenzug zu, der sonst allen Dingen im Bild einen klaren, perspektivischen Platz zuweisen würde.
Wir sehen das gesamte Bild, doch der Bildraum funktioniert eben nicht so, wie wir es vermuten würden.
Auf dem Bild ist alles, dem äußeren Schein nach, sichtba, aber nicht alles ist 'sehbar' oder einsichtig.
Womit gerade nicht das Dargestellte bzw. das Bild unvollständig oder fragmentarisch ist. Das Bild ist stets vollständig da. Bruchstückhaft ist hingegen unser Sehen, dessen Erwartungen an eine wiedererkennbare und nachvollziehbare Handlung nicht erfüllt werden.

Solche perspektivische Orientierung gibt uns Görlach nicht. 
Stattdessen 'dezentriert' er die Perspektive, bricht sie auf in viele einzelne Punkte, die nun unsere Aufmerksamkeit verlangen. Nur wird die perspektivische Ordnung zugedeckt, geschieht etwas Erstaunliches, das Bild tritt uns Betrachtern mit einem Mal entgegen, so dass extrem nahe Augenpunkte entstehen – eine holländische Erfindung aus dem Barock übrigens –, die ungleich vermögender sind als eine schlichte Fluchtlinie.
Diese Verhüllung hat zur Folge, dass unser Blick zu springen beginnt, allerdings ohne selbst diffus zu werden. Die Sehbewegung wird umso natürlicher, indem sich die Augen aktiv von einem Anhaltspunkt zum anderen hin und zurück bewegen - sei dies ein Arm, ein Bein, ein Kopf oder auch die vermeintliche Leere, von der die Figuren umfangen werden – und wir uns so der wechselseitigen Zusammengehörigkeit der unterschiedlichen Bildelemente bewusst werden. Besonders der Leere kommt hierbei eine wichtige Rolle zu als Unterbrechung, musikalische gedacht, wie eine Pause zwischen den einzelnen Tönen.
Diese anregende Herausforderung, die uns Görlach stellt, lässt uns lebendiger auf die Bilder schauen, mehr noch, sie gibt uns die Möglichkeit, die Perspektiven seiner Bildfiguren einzunehmen und ihre Gesten und Haltungen unvoreingenommen nachzuvollziehen.

Vergleichbares findet man selbst noch 'unter' oder hinter den sichtbaren Motiven.
Ein klassisches Akademiebild wird farblich auf einer schwarzen oder zumindest sehr dunklen Untermalung aufgebaut und modelliert dann das Dargestellte entsprechend seiner natürlichen Erscheinung vom Dunkeln ins Helle – bei Figurenbildern wäre beispielsweise das weiße Blitzen im Auge ungefähr der letzte Tupfen.
Mit dieser jahrhundertealten Tradition brechen in den 1860er-Jahren die Impressionisten, Manet und Monet zuvorderst, indem sie direkt auf einer weißen Leinwand malen, also mit der größten Heilligkeit beginnen. Sie betrachten ihre Bilder nicht länger als getreue naturalistische Nachbildungen der Wirklichkeit, sondern als originär künstlerische Schöpfungen aus der Farbe, die für sich selbst Wirklichkeit, Bildlichkeit nämlich, besitzen. Womit sie die malerische Moderne überhaupt erst auf den Weg bringen. (3)
Und trotz aller altmeisterlichen Anmutung auf der Oberfläche tut Görlach genau dies auch. 
Aus den 'unnnatürlichen', unerklärlichen oder eben nicht abbildenden Kontrastbeziehungen einzelner Farben baut er seine Bilder auf. Auch seine Formen und Figuren sind immer schon ins Licht gestellt, haben selbst ein ganz eigenes Farblicht, das uns entgegenstrahlt.

Mit feinem Gespür zeigt uns Jörlach Görlach erscheinende und sich verbergende Figuren, zeigt uns ihre Endlich- und Verletzlichkeit ebenso wie ihr kraftvolles Ringen um einen eigenen Ort selbst noch in tiefster Dunkelheit.
Durchaus zärtlich nennt er dabei die Reihe seiner jüngsten Werke Für immer und Dich, im sicheren Wissen um den der alltäglich verrinnenden Zeit enthobenen Charakter der Malerei. Das 'Dich' aber lässt aufmerken: Meint es die Figuren, denen wir auf seinen Bildern begegnen? Widmet er ihnen diese Bilder über alle Zeiten hinaus? Oder könnte er auch uns ansprechen?
In sein malerisches Zeigen sind wir doch immer schon miteinbezogen – was uns in größter Einfachheit erkennen lässt, dass das Undurchschaubare bisweilen verlockend hinreißend ist, ungekannte Perspektiven eröffnet und bisweilen umso wirklicher ‘scheint'.

 

1 Jean Baudrillard, Im Horizont des Objekts: Objekte in diesem Spiegel sind näher, als sie erscheinen. Fotografien 1985-1998, herausgegeben von Peter Weibel, Hatje Cantz, Ostfildern 1999, S.33.
2 Ebd.
3 Vgl. etwa John Rewald, "1864-1866", in: Die Geschichte des Impressionismus. Schicksal und Werk der Maler einer großen Epoche der Kunst, DuMont, Köln 2001, S.92.

Reutlinger Nachrichten, 27.11.2012

Jochen Görlachs magisch-realistische Malerei zeigt Menschen als rätselhafte Randfiguren, altmeisterlich verpackt. Sie sind im dritten und neuesten Gebäude des Technologieparks Tübingen-Reutlingen zu sehen. 

Sein Großvater hatte sich als Künstler schon der Ikonenmalerei verschrieben, davon inspiriert lässt Jochen Görlach seine Werke im altmeisterlichen Stil entstehen. Mit der Schlagzeile „Caravaggio meets Down Town Girls in Feinripp“, würde der freie Kunsthistoriker Clemens Ottnad die Arbeiten des Künstlers überschreiben, wie er zur Ausstellungseröffnung im neuesten TTR-Gebäude sagte. „Auf den Leinwänden und Papierarbeiten von Jochen Görlach kommt zusammen, was scheinbar überhaupt nicht zusammen gehört.“

Es ist die virtuos eingesetzte Chiaro-Scura, die Hell-Dunkel-Malerei mit dramatisierter Lichtführung, die an den frühbarocken Michelangelo Merisi da Caravaggio erinnern lassen. Görlachs Werke, 48 sind derzeit auf drei Stockwerke verteilt im Technologiepark zu Gast, sind vorwiegend in den vergangenen Monaten entstanden, seine alt wirkenden Bilder aber tragen sehr junge Sujets. Die ungewöhnlichen Bildinszenierungen heißen „Rückzug“, „Ausschau“, „Hidden“ oder „Bis einer heult!“. Nichts ist wirklich zu erkennen, der Betrachter muss sich selbst ein Bild machen. Junge Menschen beim Feiern am Lagerfeuer, auf der Wiese, den Weg entlang, in sich gekehrt, abgekehrt, für den Betrachter selbst eigentlich nicht zu fassen, nicht zu ergründen.

Schnappschüsse mit der Digitalkamera sind häufig die Vorlage der Werke, sie zeigen die Menschen, meist weibliche, ausschnitthaft und flüchtig, im Halbdunkel, mal allein, mal im Dialog und doch voneinander entfernt. So entfache Görlach die voyeuristische Schaulust auf Seiten der Betrachter. „Indem er uns nämlich unvermittelt mit seinen namenlosen Rand- und Rückenfiguren oder anderen schemenhaften Erscheinungen konfrontiert, drängt uns der 1970 in Reutlingen Geborene, mit Atelier an der Echaz, in die Rolle des quasi heimlichen Beobachters von Unwissenden." Durch das Dunkel kann der Zuschauer sich nur langsam mit den Blicken durch das Bild ertasten, "bleiben die Blicke länger als gemeinhin angemessen auf den so starr angestarrten Personen und Gegenständen unserer Betrachtung verharren." Die Nebensachen werden zu immerwährenden Objekten der Begierde, bringt es Ottnad auf den Punkt.

Ganz anders präsentiert sich neben den größeren Malereien und den kleinformatigen Ansichten sowie den Zeichnungen und Glasobjekten eine Rauminstallation. Görlach lässt im Foyer den Blick in eine neue Welt entstehen. Eine große Bildaufnahme, die den Abstieg in den Grund und Boden zeigt, gibt den Blick dorthin frei, abgeschirmt von einem Bretterzaun, geradeso, als würde er dorthin gehören.

Die erste Reaktion auf diese Malerei lautet unisono: altmeisterlich. – Tatsächlich profitieren die Werke Jochen Görlachs von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Barockmalerei. Ihn fasziniert besonders die durch Caravaggio etablierte Hell-Dunkel-Malerei, das Chiaroscuro.

Das Obskure bildet die motivische wie ideelle Grundlage der Werke Görlachs. Seine überwiegend jugendlichen Figuren, meist einzeln, selten in Gruppen agierend, erscheinen aus der Dunkelheit wie die Nummern eines Imaginariums; bar aller Zusammenhänge gestatten sie ausschließlich anhand ihrer persönlichen Attribute und Attitüden eine Zuordnung durch den Betrachter.

Diese Auftritte, scheinbar aus dem Nichts heraus, evozieren ein beträchtliches Pathos. Der Künstler steigert es gern noch etwas weiter – da ist von „Gegenseite“, einem „Pharmazeuten“ und „Blutsbrüdern“ die Rede – und löst es dann, kurz vor der Unerträglichkeit, durch fein gesetzte Banalitäten geistvoll auf. Die Schöne in der Nacht trägt eine Rolle Papier bei sich, soso ...

Nach einem Gastsemester an der Ècole des Beaux-Arts Paris wendete Jochen Görlach (*1970 in Reutlingen) sich der Malerei von ihrer ganz praktischen Seite zu – er absolvierte eine Ausbildung zum Restaurator. Bei dieser Gelegenheit kam er mit den Feinheiten der Lasurtechnik in Berührung. Er verwendet sie heute in seinen Bildern und legt besonderen Wert auf feinste Nuancen des Inkarnats.