Unter dem Titel „Nachtwege“ stellt die Frankfurter Galerie Rothamel Gemälde und Zeichnungen des Marokkaners Nabil El Makhloufi aus.

Frankfurter Neue Presse, 24.01.2015

Viele Künstler reagieren verschlossen, wenn man sie auf den tieferen Sinn ihrer Kunst anspricht. Das ist verständlich. Wollten sie ihre Botschaft in Worte fassen, würden sie Essays oder Romane schreiben. Deshalb ist es ungewöhnlich und erfrischend, einen Maler zu treffen, der gerne über die Bedeutung seiner Werke erzählt: Nabil El Makhloufi, 1973 in Fès geboren, seit 14 Jahren in Leipzig lebend, Meisterschüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst. „Meine Bilder sind immer auch ein Teil meiner Biografie“, leitet er das Gespräch über seine „Nachtwege“ überschriebe Ausstellung ein, die jetzt in der Frankfurter Galerie Rothamel zu sehen ist. Dort treffen seine aktuellen Bilder und Zeichnungen einen ohnehin gereizten Nerv. Als brisante Kunst zwischen Orient und Okzident stellen sie sich den großen Zeitfragen.

Ein Sämann sät das Firmament, holt aus und streut die Milchstraße ins schwarz gepflügte Beet. Mondlicht liegt über der verträumten Szene, entrückt sie vollends der Wirklichkeit. Doch bald wird der Blick irritiert durch eine Baseballkappe und das merkwürdige Sakko des fantastischen Landmanns. „In Marokko kaufen Arme auf Secondhandmärkten“, erklärt El Makhloufi, „Kleidung, die ein anderes Leben in sich trägt. In den Klamotten des Landarbeiters steckte früher vielleicht ein Banker. Für mich drückt das Bild Unsicherheit aus. Man weiß nicht, was der Bauer sät.“
Frühling des Lebens

Anspielungen auf die Arabellion, die politischen Aufstände in einigen Ländern Nordafrikas, finden sich in vielen von El Makhloufis Werken. Der 2014 gemalte „Frühling“ beispielsweise, die wüstenbeige gefärbte Gruppe Wartender mit bunten Farboasen wie dem bunten Stieglitz im Vordergrund. Ein Stieglitz macht noch keinen Frühling, und wie nach dem arabischen Lenz der Sommer wird, das ist auch für den Künstler völlig offen. „Doch ich bin voller Hoffnung“, sagt er, „diese Gewalt ist das letzte schreckliche Aufbäumen von Fanatikern, die an ihrem Ende angekommen sind.“ Optimismus steckt auch im „Edelstein“, eng verwoben mit El Makhloufis Lebensgeschichte. „Die dicken Steine im Koffer unten sind die Bedenken, die man bei jedem Neuanfang mit sich trägt. Der Edelstein im Arm des Mannes, das Beglückende das daraus werden kann.“

Ein großer Neuanfang war für den marokkanischen Kunstlehrer 2001 das Studium an der Leipziger Kaderschmiede, wo er bei Sighard Gille und nach dem Diplom als Meisterschüler bei Annette Schröter arbeitete. Seither fließt auf seinen Bildern maghrebinische Kunst mit der Malerei der Neuen Leipziger Schule zusammen. „Anfangs war ich erstaunt, wie viel Hässlichkeit ich in der deutschen Kunst fand. Zuvor war ich ja vom schmückenden arabischen Ornament beeinflusst. Dieser Gegensatz interessierte mich.“ Zu Hause in Leipzig bewahrt er als Inspirationsquelle immer noch einen verzierten Teller auf. „Ornament ist Struktur, Ordnung, Rhythmus. Es ist ein Abbild des regulierten Lebens.“ Doch sei es ein großer Fehler, dass die muslimische Tradition die Darstellung des Menschen verbiete.

Auch wenn viel Persönliches und Weltanschauliches in seinen Bildern steckt: „Ich muss alles vergessen, um zu malen.“ Vor der Staffelei gilt für den Künstler, den Verstand abzuschalten und den Empfindungen freien Lauf zu lassen. Dann entstehen so einfühlsame Bilder wie die „Große Überfahrt“ von 2011. Zu sehen sind flüchtig hingehauchte Kreaturen in einer Nussschale, zusammengekauert, verletzlich, treibend im milchigen Nebel der Ungewissheit – ein Meisterwerk.