Ulrike Theusner, mit Atelier in Weimar, aber tätig ebenso in Leipzig, Berlin und New York, ist als Zeichnerin ein Naturtalent und zugleich eine scharfsinnige Beobachterin ihrer Umwelt. Seit Jahren belegen zahlreiche Porträts von Freunden und urbane Szenen ihre Fähigkeit zum spontanen bildnerischen Zugriff auf das von ihr Erlebte. Ihre Handschrift wirkt spielerisch leicht, impulsiv und zeugt vom souveränen Umgang mit den grafischen Mitteln.

In den immer wieder gesuchten künstlerischen Dialogen mit klassischer wie moderner Literatur (wie T.S. Eliots The Waste Land von 1922) und Kunst (wie William Hogarths A Rake’s Progress von 1735) zeigt sich ihre ungestüme Phantasie, aber ebenso ihr kulturkritisches Engagement als Künstlerin. Hogarth ging es in seinen modern moral subjects um die Darstellung des durch soziale und ökonomische Pressuren deformierten menschlichen Subjekts, das wiederum andere Menschen deformiert, sprich: um menschliche Abgründe, die durch negative gesellschaftliche Konstellationen induziert und verschärft werden.

Ulrike Theusner imaginiert den Typus des Hogarthschen Wüstlings zwar in prall-barocker Pracht, sieht in ihm aber offensichtlich auch einen Zeitgenossen. Das vermeintlich lustige, fröhliche Treiben ihrer Figuren und Figurengruppen offenbart Morbides und Endzeitliches, schließt physiognomische Zuspitzungen und veristische Überzeichnungen ein und kann als indirekte Form von Zeitkritik verstanden werden.

In ihrer neuesten, zwischen 2015 und 2016 entstandenen Serie Gasping Society, bestehend aus 96 Tuschezeichnungen und einer Mappe mit 16 kolorierten Kaltnadelradierungen, geht sie direkter vor. Ausgangspunkt ist ihr persönliches Erleben in den Großstädten, vor allem Berlin, mit Freundinnen und Freunden, die sie aus der Mode- und Künstlerszene kennt. Zugleich stehen diese Menschen für bestimmte Charaktere und verkörpern auf jeweils verschiedene Weise den Zeitgeist.

Sie geben sich partyfest und körperbetont, sind als moderne Nomaden global unterwegs und experimentieren mit unterschiedlichen Identitäten – moderne Stutzer, die dem Exhibitionismus der sozialen Netzwerke ebenso frönen wie den Partydrogen. Ulrike Theusner zeichnet sie als bunte Vögel und Sonderlinge, moderne Romantiker, soziale Rollenspieler oder in statusbetonter Statuarik, stets selbstbezogen und beziehungsuntauglich, leidend an grassierender Unverbindlichkeit und deshalb existenziell gefährdet. Die Porträts ihrer neuen Serie sind individuell und verkörpern zugleich soziale Typen – darin den fotografischen Porträts nahe, die August Sander in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts schuf und 1929 programmatisch unter dem Titel Antlitz der Zeit veröffentlichte.

In diesem Sinne könnte man in der Serie Gasping Society eine moderne Antwort auf Sanders Opus magnum sehen: Menschen des 21. Jahrhunderts. Dazu treten Figuren, die symbolisch für den aktuellen, neoliberalen Way of life stehen, das allgemeine Fressen und Gefressen-werden auf dem Weg zum Platz an der Sonne oder zu den fünfzehn Minuten Berühmtheit, die Andy Warhol jedem von uns zubilligte.

So spontan entstanden die Zeichnungen von Ulrike Theusner auch wirken, sie offenbaren ihr Gespür für subjektive Befindlichkeiten, ihren Blick für soziale Differenzen und den rasanten Wertewandel in den zwischenmenschlichen Verhältnissen – und ihre Intention, diese Welt, die aus der Balance gekippt scheint, mit einer gleichsam veristischen Intensität zu porträtieren.

 

Ihre Zeichnungen und Grafiken wie auch ihre Malerei und Installationen sind großartig, gleich welche Technik sie auch ausübt oder welchem Thema sie sich auch immer widmet. Ulrike Theusner gehört zu den wenigen Ausnahmebegabungen in der bildenden Kunst, die man als Kunsthistoriker kennenlernen darf und von denen man hofft, dass sie ihr großes Talent an niemanden und an nichts verschwenden, am wenigsten an die Moden und Beliebigkeiten des Kunstmarkts. Höchstens nur an sich oder an ihre Kunst.

Lässt man die einzelnen Serien, die in den letzten Jahren entstanden sind, Revue passieren, so zeigt sich ein geradezu überbordender Schatz an Sujets, die sich aus der Spannung zwischen Reisen und Rückzug entfalten. „Ich muss die weite Welt verlassen und endlich zurück in meine autistische Heimat … In mein kleines fensterloses Atelier…“, schreibt sie auf einem Blatt ihres gezeichneten Tagebuchs „New York Diaries“, das 2009 auf Reisen in New York entstand. Alles, was sie dort beobachtet, alle grotesken, aber so überaus prägnanten Szenen dieser für sie faszinierenden Metropole hält sie mit Virtuosität und Leichtigkeit fest, merkwürdige Paare, gescheiterte Existenzen, Junkies, Strassenmusiker, Künstler. Man hat den Eindruck, sie scannt alles ein, was auf sie visuell und atmosphärisch eindringt, einprasselt, und bringt es in ihrem eigenen, immer leicht nervösen, aber dennoch ganz präzis beobachtenden Zeichnungsduktus wieder hervor. Die Bilder werden skurril, manchmal wie halluzinierend vor einem inneren Auge, manchmal Gesehenes sehr real schildernd, aber nie realistisch.

Ulrike Theusner besitzt eine ungewöhnliche Begabung für die Kunst des Zeichnens. Die Fähigkeit einer starken zeichnerischen Auffassungsgabe ist in ihren Arbeiten gekoppelt mit einer ebenso starken Einbildungsgabe. Das Gesehene wird scheinbar mühelos in grafische Spuren übersetzt, die einen hohen Wiedererkennungs- und Identifikationswert haben. Zugleich gehen die Anteile des "Studiums", also die Verarbeitung des jeweils Gesehenen, unterschiedslos in die Anteile des "Ingeniums" über, die als Früchte der Einbildungs- bzw. der bildnerischen Erfindungsgabe dem "Studium" erst die richtige Würze geben. Und noch ein drittes Moment kommt hinzu: Die grafischen oder malerischen Spuren weisen einen hohen Grad an Selbstbezüglichkeit auf, sie wirken in einem Maße formbildend, dass ich mich der Faszination ihrer Form kaum entziehen kann. In diesem Sinne erscheint alles "Studium" mit einer ästhetischen Souveränität erfasst, die mich durchaus an die Klassiker der psychologisierenden Zeichnung denken lässt, die Künstler der Renaissance und des Barock.