Leonardo Da Vinci, Francis Bacon, Pablo Picasso, Amedeo Modigliani, Willem De Kooning, Jackson Pollock: Was haben diese Künstler gemeinsam? Sie haben Werke hervorgebracht, die zu den teuersten aller Zeiten zählen, sie sind fest im kunsthistorischen Kanon verankert, sie sind Vorbilder geworden für unzählige Künstler nach ihnen – und sie waren Männer. Ihre Signaturen erscheinen nun auf einer weißen Wandfläche, und zwischen sie wurde eine weitere Signatur geschmuggelt: die von Jonathan Kraus. Er hat das Bild „Signatur Move“ gemalt, auf dem diese Wandfläche zu sehen ist, die an eine von großen medialen Events bekannte Sponsorenwand erinnert, vor der sich üblicherweise Prominente für Reporter und Fotografen präsentieren. Doch Jonathan Kraus hat sich nicht nur über seine eigene Signatur auf die Sponsorenwand eingeschlichen, er lässt zugleich ein Bild seiner selbst auf dem Gemälde posieren. Auf ihm sieht man ihn sichtlich empört vor der Wand: Gleich einem inneren Monolog scheint sich das Porträt seinem Künstler widersetzen zu wollen, die Figur ihren Schöpfer zu fragen, warum es von ihm vor diese Wand gestellt wurde.

Tatsächlich scheint die Figur entrückt, als sei sie aus ihrem eigentlichen Habitat entfernt, und nun wie eine Spielfigur auf dem schachbrettartigen Boden vor der Sponsorenwand platziert worden. Sie fühlt sich sichtlich unwohl in der neuen alten Gesellschaft, vielleicht weil die VWs, Googles, Deutsche Banks, Bayers unter den Künstlern nicht mehr so viel mehr für die Gesellschaft bedeuten, als dass sie populäre Signaturen sind, mit denen sich gut werben lässt? Vielleicht weil die Genannten im Lichte aktueller feministischer Diskurse als selbstgefällige Männer problematisiert werden? Dass der Künstler Jonathan Kraus seine Signatur als Ausdruck seiner Bewunderung für jene alte Welt hinzugefügt hat, gleichzeitig aber sein Avatar-artiges Porträt als passionierter Vertreter der Gegenwart dagegenhalten lässt, mag man als Zeichen der ambivalenten Haltung gegenüber den aktuellen Diskursen lesen, zugleich ist es eine kluge und analytische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als junger männlicher Künstler und dessen immer häufiger und lauter infrage gestellter Tradition. Im empörten Ausdruck seines Portraits spiegelt sich der Autoritätsverlust jenes männlichen Künstlers und mit ihm all das, wofür er während der gesamten Moderne stand: die Autonomie der Kunst, die Genialität des Schöpfers, die Originalität des Werkes – angezeigt durch die Signatur.

Demgegenüber steht nun der „Signature Move“, und vom Boden aus wird das Gemälde zu einem Vexierbild: Aus dem Schachbrett wird ein Disco-Boden, der wie in Saturday Night Fever zu leuchten beginnen könnte, aus der empörten Haltung wird eine Tanzgeste, die nicht zuletzt wegen der Kopfhörer an die Silhouetten der frühen iPod-Werbungen erinnert.  Wie in vielen seiner Arbeiten gelingt Kraus hier mithilfe der Ikonographie eine überraschende inhaltliche Wendung, die neue Standpunkte subtil an alte anknüpft, oder divergierende Bereiche miteinander zu verbinden weiß.

Neue Welt trifft auf alte Welt, Pop trifft auf Hochkultur, Feminismus trifft auf Patriarchat: Die Unklarheiten und Unsicherheiten, inneren und äußeren Konflikte einer solchen Zeit der Umbrüche sind das Thema der Arbeiten von Jonathan Kraus. „This Artist Rewrites Art History“ (2019) nennt sich eine weitere Arbeit, die die Metapher für künstlerische Originalität wörtlich nimmt: Zu sehen ist der Künstler beim wiederholten Schreiben der Zeile „art history“ – ein Clou von Kraus, der damit treffsicher vergangene Ansprüche an die künstlerische Produktion ad absurdum führt: Ist die Beschwörung von Originalität und Neuheit nicht selbst längst bloße Wiederholung?