Hans-Christian Schink über seine Serie „Am Weg"
26. Februar 2026
Wie oft ich in den letzten zehn Jahren den Weg gegangen bin, vermag ich nicht zu sagen. Über drei Kilometer führt er von unserem Haus durch eine für das östliche Mecklenburg typische Agrarlandschaft bis zum Ende des zum Dorf gehörenden Sees. Die meiste Zeit war es einfach der Weg zum See, beschritten alleine, zu zweit oder mit Freunden. Zur Entspannung, zum Nachdenken, um noch etwas Bewegung zu haben. Oder um die ganz unterschiedlichen Lichtstimmungen im Verlauf der Jahreszeiten zu beobachten: ein fast übergangsloses Weiß von Himmel und schneebedeckter Erde im winterlichen Nebel, dramatische Wolkenformationen vor einem Gewitter oder ein beinahe unwirkliches Dämmerungsblau.


Die Flora und Fauna entlang des Weges nahm ich wahr, ohne genauer hinzuschauen oder mich näher damit zu beschäftigen. Irgendwann stellte ich mir doch die Frage, was ich da eigentlich sehe. Warum kenne ich zwar viele der Tierarten, die mir hier begegnen, aber nur einen kleinen Teil der am Wegesrand wachsenden Pflanzen? So entstand allmählich die Idee, über einen längeren Zeitraum eine fotografische Bestandsaufnahme dieses vertrauten Areals zu erstellen. Daneben begann ich, die vorhandene Tier- und Pflanzenwelt mit klassischen Naturführern, mit Apps und Internetrecherche zu bestimmen.
Durch den Wechsel von der beiläufigen Wahrnehmung zur gezielten Betrachtung taten sich immer neue mögliche Aspekte meines Projekts auf. Jede Wanderung brachte weitere Entdeckungen, und mit dem Erstaunen über die unerwartet hohe Anzahl der Spezies auch die Erkenntnis, dass mir vieles verborgen bleiben würde. Ein enzyklopädischer Anspruch meines Projekts war illusorisch. Alles, was ich abzubilden und zu benennen vermag, würde auf die zwangsläufige Unvollständigkeit eines derartigen Vorhabens verweisen. Auch wenn ich diese Arbeit von dem ursprünglich geplanten einen Jahr auf vier Jahre ausgedehnt habe, kann sie deshalb nur einen kleinen Einblick in das unerschöpfliche Ganze geben.


So bilden nun 33 Schwarz-Weiß-Fotografien des Weges die Basis der Arbeit. Sie vermitteln einen Eindruck von Charakter und Topografie dieser eiszeitlich geprägten Landschaft sowie die Art der wirtschaftlichen Nutzung. Ergänzt werden sie von fünf Farbaufnahmen, die den Wechsel des Lichts und der Witterung im Laufe der Jahreszeiten widerspiegeln. Aus der Beschäftigung mit der Flora entlang des Weges entstanden 128 Aufnahmen von Blüten, 29 Fotografien von Pflanzen sowie 25 Bilder von Blättern der Bäume und Sträucher dieses Areals. Exemplarisch für die Tierwelt hat mein Bruder Martin Schink colorierte Zeichnungen aller 82 beobachteten Vogelarten angefertigt. Mein 2025 beim Verlag Hartmann Books erschienenes Buch Am Weg enthält neben diesem umfangreichen Bildmaterial auch die Listen der erfassten Tier- und Pflanzenarten sowie einen literarischen Text des Lyrikers und Schriftstellers Uwe Kolbe.




