>> Es ist mir, als käme jemand hinter uns<< , sagte
Gerda, und es sauste an ihr vorbei; es war wie Schatten
an der Wand, Pferde mit fliegenden Mähnen und
dünnen Beinen [...].
Hans Christian Andersen |„Die Schneekönigin“

Am anderen Ende – für die Entstehung der Bilder dieser Ausstellung gibt es zwei Ausgangspunkte: Am Anfang stand eine Reise der Künstlerin, Undine Bandelin, ans andere Ende der Welt, nach Vietnam, dann folgte das Arbeitsstipendium des Künstlerhauses Meinersen e.V., das ihr die nötige Ruhe und den Rahmen für das Arbeiten gab. Wer nun genau hinsieht, wird in einigen der entstandenen Werke asiatische Gesichtszüge erkennen und fernöstliche Szenerien und Naturräume erahnen können. Die Reise ist hier jedoch nicht allein vordergründig in der Motivwahl präsent, stattdessen ist das Reisen an sich Thema dieser Bilder und – im übertragenen Sinn – ebenso zentraler Dreh- und Angelpunkt in Undine Bandelins übrigem Schaffen. Nur geht es hier weniger um konkrete Orte auf dem Erdball, als um das Reisen als eine Form des Übergangs: Es geht in diesem künstlerischen Werk um die Unorte des Dazwischen.
Das Kernwort im Titel dieser Ausstellung „Am anderen Ende“ ist folglich auch nicht das Nomen Ende, sondern das Pronomen andere. Es ist der andere Blick, der hier geschult wird, die andere Perspektive, die wir einnehmen lernen; die eine Lesart, die sich neben viele andere gesellt. Mit ihren Bildern wendet sich Undine Bandelin gegen Endgültigkeit und Eindeutigkeit und gibt dafür der Pluralität und Vieldeutigkeit unserer Lebensrealität Raum. 

Ausdruck findet diese Vieldeutigkeit in Undine Bandelins Bildern häufig in binären Paaren: Groß und klein, Text oder Bild, Mensch und Tier, Männlich oder Weiblich ... Wie ein roter Faden ziehen sich diese scheinbaren oder tatsächlichen Oppositionen durch ihre Bildwelten und spiegeln dabei die Strukturen unseres Denkens: Sie sind ein Kommentar auf den ewigen Drang, alles, das uns begegnet, einordnen und benennen zu wollen. In diesen Bildern aber lösen sich die Gegensätze im Uneindeutigen auf und treten so in einen fortwährenden Dialog miteinander. Ein stiller und offener Dialog, der auch Teil des wiederkehrenden Motivs der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Tier ist. Mensch und Tier werden hier gewiss nicht eins, sondern in der Dopplung und Verschiebung so häufig gebrochen, dass sich der anfänglich so klare Gegensatz in der Vieldeutigkeit aufzulösen scheint. Das Paar der vermeintlichen Gegensätze wird so Vieles, nicht Eines.
Mit der Opposition von Bild und aufgedrucktem oder als Titel dem Bild beigefügtem Text verhält es sich ebenso. Auch auf dieser Ebene entziehen sich Undine Bandelins Bildwerke durch Doppel- und Mehrdeutigkeiten einer geradlinigen Lesart. Was klar scheint, wird unklar oder erscheint in einem anderen Licht. Häufig sind die fragmentarischen Texte idiomatisch – es sind Zitatfetzen, die dem Nachhall eines Gedankens oder einer bruchstückhaften Erinnerung gleichen. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in einer Arbeit, die eine menschlich-tierische aufgescheuchte Hühnerschar ins Großformat bannt. Der Titel „Ins Gehege“ ist ein Kommentar auf das Geschehen im Bild, der so bereits eine weitere Deutungsebene aufmacht. Gleichzeitig ist die Wortwahl selbst zweideutig: Sich gegenseitig ins Gehege kommen, beschreibt möglicherweise den Zwist der verschiedenen Charaktere auf engem Raum, gleichzeitig schwingt in diesen Worten aber auch das Gehege als eingehegter, geschützter Raum mit. Ein Raum, in den der Fuchs nicht eindringen kann – wenn er nicht, maskiert, längst Teil des Aufruhrs ist. So entsteht statt nur einer Beziehung zwischen Text und Bild, im Dialog zwischen Betrachter, Bild und Text eine sich vielfach brechende Wechselwirkung.
Oft sind die Textfragmente im Bild und die Bildtitel identisch. Weicht ein Titel jedoch vom Bildtext ab, relativiert sich eine zunächst offensichtliche Deutung, oder sie wird ganz und gar in Frage gestellt. Wo uns andernorts in der Bildenden Kunst ein Bildtitel als hilfreicher Wegzeiger dienen kann, führen die Titel und Textfragmente bei Undine Bandelin stets an Weggabelungen und -kreuzungen. Wir sind gezwungen unser erstes Urteil zu hinterfragen. Eine exklusive und endgültige Auslegung ist damit unmöglich. Fortwährend schallt ein Echo wie der Schatten eines Gedankens zwischen Text und Bild hin und her: bricht die sich entwickelnde Erzählung und führt sie gleichzeitig fort. Die Künstlerin macht sich hier auch die Vieldeutigkeit der Sprache zu Nutze, die, wie die Bildende Kunst selbst, ein Versuch des Menschen ist, den uns tatsächlich umgebenden Dingen eine Form zu geben und sie dadurch überhaupt erst kommunizierbar zu machen.

Die Zwischenwelten, in die uns Undine Bandelins Bilder entführen, sind charakterisiert durch Figuren und Szenen, die wie in ihrer Bewegung eingefrorenen sind. Multiple Zustände und Ereignisse überlappen und greifen in einem Moment der Gleichzeitigkeit ineinander. Häufig haftet den Motiven etwas Traumhaftes an, gebannt im Augenblick des Übergangs zwischen kristallklarer Realität und Traumwelt. So hat es den Anschein, als sei in „Gänsemarsch“ eine Gestalt mit Vogelmaske gerade im Moment des Hinübergehens in jene andere Welt eingefangen. Wie die Traumbilder in Hans Christian Andersens „Schneekönigin“, ziehen die Szenerien zum Greifen wirklich und doch geisterhaft vorüber. Diese Bilder berühren uns auf einer archaischen, unterbewussten Ebene – wie Gedanken und Gefühle, die in Bild und Wort gefasst werden. Ebenso wirken auch die kraftvollen Farben, die häufig den Ursprung dieser Kaleidoskope des menschlichen Seins bilden und ihre Grundstimmung tragen. Es kann dabei vorkommen, dass sich Farbe und Motiv so intensiv vereinen, dass es scheint, als zöge uns die Bildwelt nicht etwa zu sich hinein – vielmehr beschleicht uns das Gefühl, als kämen die Gestalten jeden Augenblick zu uns heraus.
So können die Bildwerke dieser Malerin durchaus auch eine verstörende Wirkung entfalten. Besonders greifbar wird dies in den druckgrafischen Serien, die in dieser Ausstellung aus vietnamesischen Reisefotografien entstanden. Immer wieder wird das gleiche Fotomotiv im Siebdruck wiederholt und mittels Übermalungen in einen neuen Bedeutungszusammenhang gerückt. Die ursprünglich gleiche Person wird so in jedem Bild eine neue, eine andere. Manchmal werden aus Menschen auch Wesen, und diese Drucke wirken, gerade als Serie betrachtet, bannend und oft auch bedrückend. Es ist als wenn wir mit der Künstlerin einen Blick hinter die Fassade werfen, hinein in die Schattenwelt, die zugleich verschleiert und offenlegt, was uns sonst durch klar umrissene Tatsachen so deutlich und eindeutig erscheint. Spätestens bei der Betrachtung des titelgebenden Bildes dieser Ausstellung wird aber deutlich, dass Undine Bandelin stets auch mit einem Augenzwinkern bei der Arbeit ist. Das „andere Ende“ ist hier nämlich nicht nur das andere Ende der Welt mit asiatischem Wasserbüffel, sondern gleichzeitig das Hinterteil eben jenes Tieres. Undine Bandelins bildnerisches Werk ist in seiner Vielfalt eben auch nicht nur eines – verstörend oder augenzwinkernd – es ist beides und sicherlich noch anderes darüber hinaus.

Die Figuren und Szenen auf Undine Bandelins Leinwänden und Papieren wirken stets unfertig. Und letztendlich wehren sich diese Bilder auch in dieser Eigenschaft gegen die Endgültigkeit. So wie Undine Bandelin in ihren Druckgrafiken das gleiche Motiv immer wieder neu interpretiert und in einen neuen Kontext setzt, können auch wir ihre Bilder immer wieder neu sehen und neu verstehen. Diese Bilder sind damit, im Sinne Umberto Ecos, offene Kunstwerke, sie können immer nur für den Augenblick der individuellen Rezeption als vollendet gelten. Und genau darin liegt der Reiz dieser Ausstellung und der Werke dieser Künstlerin: Wir können und sollen uns hier nicht einig werden, denn jede Lesart wird durch einen neuen Blick am Ende anders sein.

Ulrike Ellguth-Malakhov (JenaKultur)

Rede zur Ausstellungseröffnung am 25. April 2014, Meinersen

Einfassung des Offenen

John Palatini

Gibt’s das denn, was da hervor lugt und hervor kriecht und springt und hinein tritt, was da anwest vor unseren Augen und ein Dasein hat, fremd, vertraut, stark Rot, Blau kreisend, wild umstanden von so manchem Zaungast, der ratlos staunt in seinem eigenen Traum. Wer weiß schon, was hier gespielt wird und wer hier spielt und wohin die Reise geht. Gewiss ist anderes: das tastende Berühren manch starren Blicks, das Grelle der Farbe, das Licht der hellen Dämmerung, die alles umfasst und alles entzieht, wie der Traumsand die Augen schließt und hineinlockt in ein Anderswo, in dem wir gleichermaßen leben. 

Man mag an Ingmar Bergmanns grandiosen Film „Wilde Erdbeeren“ von 1957 denken, der die Geschichte von Isak Borg erzählt. Isak befindet sich auf einer Reise durch die Orte seiner Jugend; eine wahre Lebensreise tief hinab. Er beginnt auf dieser Fahrt zu träumen. Und diese Träume verändern alles. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Wirklichkeit, Traumwelt, - alles verschwimmt, alles ist zugleich und beeinflusst sich. Die Reise gerät zu einer existenziellen Lockerung, einem Offenwerden für die Realität des Traums, der unaufhaltsam seinen Platz beansprucht im streng rationalen, und in dieser Rationalität ausweglosen Leben. Der Traum wird, endlich, zu einem Medium des Erlebens, des Daseins; Welterkenntnis und Weltbegegnung in einem – wie das Wachsein, nur mächtiger. 

Die Bilder Undine Bandelins sind mit diesem Film durchaus vergleichbar, denn es handelt sich nicht um gemalte Abbilder, um Übertragungen von etwas in Malerei, das so oder so ähnlich ist oder sich, wo auch immer, so ereignet hat. Ihre Bilder sind keine rationalen Kalkulationen, keine conceptual art und auch keine gemalten Träume, keine Traumstrips für die Psychoanalyse. Das Entstehen dieser Bildwelten ist ein synthetisierender Akt, das Herstellen eines großen Ineinanders und Zugleichseins von Erlebtem und Geträumtem, von bewusst Phantasiertem, Erfühltem, Erinnertem, das uns, den Betrachtern, gegenübersteht als etwas Fremdes und merkwürdig Vertrautes gleichermaßen.

Doch was dominiert? Wir wissen es nicht. Am Anfang steht, nur zum Beispiel, eine Farbe; und diese Farbe könnte eine Erinnerung sein, eine Erinnerung an die verblassende Kindheit oder den Traum der vergangenen Nacht; sie könnte auch einen ganz anderen Grund haben oder keinen. Doch mit dieser Farbe, oder auch einer Form, beginnt alles. Dann gilt es zu reagieren, weiteres Leben zu stiften und Sinn. Figuren treten auf, Sprache kommt hinzu, neue Farben und neue Formen. Anderes vergeht. Welcher Seins- und Erlebnisschicht die endgültigen Bildelemente entstammen, lässt sich kaum erkennen. Dies bleibt Undine Bandelins Geheimnis und unser Glück, denn diese Bilder funktionieren, weil wir ihren Eigen-Sinn glauben und nicht, weil wir ihn zu enträtseln vermögen. 

John Palatini

Text zum Katalog „Malerei Undine Bandelin“ 2012

Undine Bandelin – Die geschlossene Gesellschaft

„Um ein Sein zu haben, brauchen wir ein Nichtsein. Es ist ein fester Bestandteil von uns selber. Um zu definieren, wer wir sind, müssen wir zuerst definieren, wer wir nicht sind. Wir fühlen uns zugehörig, weil wir andere ausschließen.“

Charles Fréger in “Wilder Mann“ 

Der Mensch ist existenziell ständig auf der Suche. Das Ego sucht sich immer seinen Platz in der Gruppe, wobei es sich gleichzeitig mit seinen Zwiespälten und Gegensätzlichkeit konfrontiert sieht: Eine immer währende Suche zwischen Angst, Getriebensein, Scheitern und den Erfolg.

In der Gruppe, beim Stammtisch, in der Clique, im Verein oder in der Familie - immer inszeniert der Mensch sein Ich aufs Neue. Die Gemeinschaft legt Wertvorstellungen, Rituale, Normen und Rollen vor, befriedigt den Wunsch nach Anerkennung, bietet Schutz, Abgrenzung nach außen. Es bilden sich Intimitäten, Hierarchien und Machtstrukturen. Ich möchte in meinen Bildern dieses Phänomen ergründen: Den Archetypus Mensch, seine Grenzbereiche, die Ängste und Antriebe und schließlich die existenzielle Suche.

Die geschlossene Gesellschaft ist eine Veranstaltung, bei der alle Gäste vorher angemeldet sind und auf einer Gästeliste stehen, eine Veranstaltung, die unter Ausschuss der Öffentlichkeit stattfindet. Doch was geschieht in diesem inneren Zirkel, dem elitären Kreis, dem kleinen Mikrosmos unserer Gesellschaft?

Es ist mein Anliegen, Rollen zu entwerfen und zuzuweisen, diese wieder zu entziehen und zu vertauschen. Ich setzte Gruppenführer, Außenseiter, Anstifter, Verführer, Regentin, Rebell und unerwünschter Mitläufer in Szene. Indem die verschiedensten Gestalten auftreten, wird der Bildraum zum Bühnenraum. Das, was man war, ist, sein kann: Überziehungen, Verwandlungen, Erweiterungen aus Keimen, Wünschen und Erinnerungen. Die Figuren erscheinen hierbei in einem neuen Blickwinkel, in einem andern Licht, in düsteren Kehrseiten und absurden Spiegelungen.

Groteske Charaktere, skurrile Persönlichkeiten und fantastische Wesen geben ihre Vorstellung, entspringen aus ungeahnten Zwischenräumen, aus den Urzeiten, kommen an die Oberfläche, schälen sich aus der Farbe und präsentieren sich in bester Aufmachung. Diese Wahrzeichen des Andersseins, der buchstäblichen Außenseiter werden ein Teil unseres Bewusstseins. 

Die Figuren der Sippschaft zitieren historische Porträts, die Inszenierung gleicht die der von früheren Herrscherporträts. Gleichzeitig wird dieses Medium ad absurdum geführt. Die vertraute Bildsprache wird gebrochen, der Betrachter abgeholt und zugleich irritiert. Denn nicht die idealisierte Seite zur wird Schau getragen, sondern eine absurde Spiegelung, die bewusst die Kehrseite des Ideals zeigen. 

Die Bilder von Standesherren in herrschaftlicher Pose, den alten Adel in prunkvollen Gewändern, Ritter geschmückt in ihren Waffen und Rüstungen zu Pferde, welche sich mit erhobenen Kopf dem Betrachter zuwenden, sind im kollektiven Bildgedächtnis.
Aber hinter dieser Fassade steht der Mensch mit existenziellen Antrieben, Eitelkeiten, Irrungen, Hemmungen, Schwächen. Die Bildnisse tragen keine Insignien der Herrschaft, sie sind nackt, anstatt prunkvollen Schlossmauern thronen sie über einen Abgrund, anstatt glänzende Helme auf ihren Köpfen ragen sie Tierhäupter aus ihrem Leib und ihre Begleiter sind keine stolze Pferde sondern eher Geschöpfe aus dem Jenseits. Sie entsprechen keinem Schönheitsideal, im Gegenteil - sie sind deprimiert, verloren, herrschsüchtig, halbstark, albern, eitel, komisch oder trivial.
Durch den Bruch mit dem alten Medium der Herrscherporträts entsteht eine unterschwellige Komik, ein sarkastischer Blick auf die Absurdität des menschlichen Verhaltens. Die Dramatik entsteht hier nicht in der Handlung, sondern in der Psychologie, die jeder für sich selbst entdecken kann.

Die Serie zeigt so am Ende eine breite Aufstellung von Figuren - „Die geschlossene Gesellschaft“ – die dem Betrachter gegenübersteht. Sie erscheinen uns gleichermaßen fremd und vertraut. Ist es eine Ahnengalerie aus grauer Vorzeit oder entspringen die Figuren doch dem Hier und Jetzt Art unheimliche Sippschaft, eine skurrile Familie? Sind es ferne Verwandte, sind sie gar Du und Ich?
Der Betrachter erkennt sich zugleich in den Menschen und in den Tieren wieder, gleichzeitig möchte er jedoch von preisgegebenen Eigenheiten und Wesensarten Abstand nehmen.
Die scheinbare Vertrautheit wird gebrochen, durch das Komische, Absurde oder Unheimliche. Durch das Spiel mit den Rollen und den Klischees können die Bilder zu Projektionsfiguren werden. Diese Gleichzeitigkeit ermöglicht die Übertragungen der verschiedenen Rollen auf sich selbst oder andere. So werden sie zu Symbolfiguren, die jeder auf sein Leben übertragen kann und so wird auch der Betrachter auf einfachste und unmittelbare Art Teil einer geschlossenen Gesellschaft. Bestenfalls soll so eine Irritation entstehen. 

 

Undine Bandelin

Text zur Ausstellung „Die geschlossene Gesellschaft“ vom 9.9.- 28.10.2017 in der Grass is Greener Galerie